3. Fachtagung des Hessischen Landesverbandes der Natur- und Waldkindergärten – Rückblick

 

Ein Rückblick von Jutta Schaffert            

 

Vor ziemlich genau zwei Monaten fand unsere diesjährige Fachtagung in Marburg-Wehrda statt.

Mit dem Bildungshaus am Teufelsgraben des bsj Marburg (dem „Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit e.V.“) hatten wir ein ideales Tagungsgebäude mit wunderschönem Außengelände gefunden. Vielen Dank an dieser Stelle für die Kooperation und die großzügige Unterstützung! Wir haben uns wirklich wohlgefühlt!

Im großen Saal des Tagungshauses eröffnete unsere 1. Vorsitzende Gisela Stoll-Krohn die Veranstaltung und leitete später auch durch das umfangreiche Programm.

Nach einem Grußwort von Marburgs Stadtverordnetenvorsteherin Marianne Wölk begeisterte Angela Dorn, hessische Ministerin für Kunst und Wissenschaft, mit ihrem Eröffnungsvortrag. Selbst Mutter von drei Waldkindern, weiß sie genau um die Vorzüge der Waldpädagogik und brachte es auf einen Punkt: Im Waldkindergarten „entwickeln sich kleine Persönlichkeiten, die verstehen wollen, was die Welt zusammenhält.“ Damit zog sie auch eine Parallele zu ihrem eigentlichen Resort: Auch exzellente Wissenschaftler seien Forscher, die auf der Suche sind nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Nach dieser Einstimmung erwartete das Fachpublikum zunächst ein Vortrag von Martin Vollmar, Sportwissenschaftler und Mitarbeiter beim bsj.

Er stellte dar, warum Kinder in Waldkindergärten unter anderem auch ganz besonders in ihrer Sprachentwicklung gefördert werden. Die Entwicklung der Sprache ist ein wechselseitiger Prozess. Damit sich Sprache gut entwickeln kann, brauchen Kinder eine anregende sprachliche und nicht-sprachliche Umwelt. Diese ist in der Natur und beim Draußensein in großem Umfang vorhanden. Das untermauerte Vollmar mit theoretischem Input und Beispielen aus der naturpädagogischen Praxis.

Im Anschluss berichteten Asha und Noah Scherbach über das Konzept der „Beerenstarken Kids“. Ausgehend von dem Gedanken, dass es schade ist, dass die Waldkindergartenzeit mit dem Schuleintritt abrupt endet, haben sie ein Curriculum erarbeitet, das Walderfahrungen auch während der Schulzeit weiter lebendig bleiben lässt. Für mindestens weitere sieben Jahre treffen sich ehemaligen Waldkinder monatlich und in den Schulferien und sammeln weiterhin Erfahrungen in und mit der Natur. Dabei werden auch Seminare zu Themen wie Outdoor Erste Hilfe, Gruppenleitung etc. angeboten.

In mehr als 6000 Waldstunden wird den Kindern und Jugendlichen auch ein Gefühl von Heimat und Wirksamkeit vermittelt. Zum Beispiel unterstützt die beerenstarke Gruppe die Natur, wenn es darum geht ein Waldgelände, das eine wilde Bebauung erlitten hat, wiederherzustellen. Sie lernen die u.a. Heilwirkung der Pflanzen kenne, die Tiere des Waldes schätzen und die Systeme des Waldes zu erkennen, sodass ihnen die Natur als schützenwerter Raum wichtig ist.

Wer möchte, kann die Zertifizierung zum Jugendwaldpädagogen von Hessenforst machen, die häufig ein Sprungbrett in einen späteren grünen Beruf ist.

Nach der Mittagspause mit leckerer vegetarischer Verpflegung von der Lebensgemeinschaft der Fleckenbühler in Marburg-Cölbe wurden vier unterschiedliche Workshops angeboten, in die sich die TeilnehmerInnen einwählen konnten:

Wer sich vertieft mit dem Thema Sprache beschäftigten wollte, hatte dazu im Workshop von Martin Vollmar Gelegenheit. Geschichten warten in der Natur praktisch überall. Wie kann man diese entdecken und dann lebendig erzählen? In Kleingruppen erarbeiteten die TeilnehmerInnnen eine Geschichte, die sie dann den anderen des Workshops vortrugen.

Einen kurzen Einblick in die Welt der Kräuter- und Heilpflanzenkunde erhielten die TeilnehmerInnen des Workshops mit Lars Fucker, der kurzweilig, humorvoll und spielerisch einen Teil seines immensen Wissensschatzes weitergab. Die Gruppe hat einen Streifzug in den angrenzenden Wald unternommen. Am Wegesrand wurden viele Kräuter entdeckt und vor allem im Hinblick auf die Nutzung mit Kindern besprochen. Ganz besonders war der Blick nach oben. Denn auch dort gibt es – vielfach unbeachtet – Blätter und Grünes mit tollem Nährwert und Nutzen. Und das ohne jegliche Gefahr durch den Fuchsbandwurm, den man bei Pflanzen aus Bodennähe berücksichtigen muss. Bei allem Respekt für die Natur ruft Lars Fucker dazu auf, den Wald und seine Schätze (in Maßen!) zu nutzen. Der Wald ist nicht nur zum Anschauen da, sondern auch zum Pflücken und Probieren und da lassen sich manche Leckereien finden.

Unter dem Motto „Wie kommt der Saft in die Frucht“ wurde den Workshop-TeilnehmerInnen von Winfried Möller mithilfe vieler spielerischer Elemente vermittelt, wie genau der Jahresablauf eines (Apfel-) Baumes aussieht. Dabei wurden die Photosynthese und Sauerstoffbildung genauso kindgerecht vermittelt wie der Wasserkreislauf und die Nährstoffaufnahme der Bäume. Die Bestäubung der Blüten an Bäumen und Blumen wurde mithilfe eines Spieles erlebbar gemacht. Und selbst „alte Hasen“ waren verwundert, dass die Blüten und Früchte des kommenden Jahres schon gebildet und in den Ästen eingelagert werden, bevor die diesjährige Ernte gereift ist.

Wie ätherische Öle im Waldkindergarten eingesetzt werden können, erfuhren die TeilnehmerInnen im Workshop von Asha Scherbach. Nach einer theoretischen Einführung in die Aromatherapie einerseits und die konkreten Anwendungsmöglichkeiten im Waldkindergarten andererseits konnten die Teilnehmerinnen ihr eigenes Insektenschutzspray herstellen.

Während der Workshop-Phase nutzten die Vorstandsmitglieder die Zeit zum Austausch mit Kathrin Anders, die neben ihrer Expertise als Sprecherin für frühkindliche Bildung auch ganz persönliche Erfahrungen als Waldkindergarten-Gründerin und Mutter hat.

Die anschließende Kaffeepause wurde zum regen Austausch über die Workshops aber auch über die Arbeit im Waldkindergarten generell genutzt, ehe sich alle wieder im Plenum versammelten.

Ein vorrangiges Ziel des Hessischen Landesverbandes ist die Entwicklung verbindlicher Standards für den Betrieb von Natur- und Waldkindergärten.

Im Plenum wurden die vielfältigen Probleme und Wünsche rund um den Betrieb und die Gründung von Waldkindergärten gesammelt. Dabei kamen durchaus kuriose Dinge zur Sprache. So darf in einem Waldkindergarten nur Wasser einer bestimmten Marke zum Händewaschen benutzt werden. In einem anderen muss die Notdurft im Plastiksäckchen verpackt mit nachhause gegeben werden.

Vielfach sind die Vorgaben der Jugendämter sehr unterschiedlich – obwohl alle im Land Hessen derselben Gesetzgebung unterliegen. Das macht es insbesondere für Neugründungen sehr schwierig.

Mit Kathrin Anders, Sprecherin für frühkindliche Bildung und Betreuung der Fraktion der Grünen sowie Mitglied im Ausschuss für Soziales und Integration im Hessischen Landtag war eine kompetente Ansprechpartnerin vor Ort, die ihre Unterstützung signalisierte. 

Insgesamt gab es zu den vielen Themen regen Diskussionsbedarf. Der fortgeschrittenen Uhrzeit geschuldet, mussten wir – für manchen sicherlich zu früh – zum nächsten Programmpunkt weitergehen.

Bei der ordentlichen Mitgliederversammlung wurden Gisela Stoll-Krohn und Elke Geis-Heil in ihren Ämtern als 1. Vorsitzende bzw. Kassenwartin bestätigt. Berit Zeber stellte sich nicht mehr zur Wahl und wurde von Asha Scherbach als 2. Vorsitzender abgelöst. Neue Beisitzerin ist Karen Rohlfs. Weiterhin sind im siebenköpfigen Vorstand die im vergangenen Jahr gewählten Beisitzerinnen Marina Dörnemann, Nadine Hähnel und Jutta Schaffert vertreten.

Zum Ausklang verzauberte Karin Kirchhain mit ihren Märchen die noch anwesenden TeilnehmerInnen. Das war ein wunderschöner Abschluss eines langen, interessanten Tages!

Unser Dank geht an alle, die zum Gelingen unserer Fachtagung beigetragen haben! Ohne die vielfältige und größtenteils ehrenamtliche Unterstützung hätten wir das nicht geschafft!

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr:

 

Unsere nächste Fachtagung findet am 6. Juni 2020 in Bad Vilbel statt.

Parallel sind wir am Wochenende vom 5. bis 7. Juni 2020 mit einem Infostand und kreativen Naturbastel-Angeboten auf dem Hessentag vertreten.